Robert Musil – Der Mann ohne Eigenschaften

Es gibt Bücher, die man liest. Und es gibt Bücher, die einen beim Lesen beobachten. Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften gehört zur zweiten Kategorie.

Der Roman – unvollendet, tausendseitig, 1930 begonnen – folgt Ulrich, einem Mann, der beschlossen hat, keine festen Überzeugungen zu haben. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus einer sehr genauen Beobachtung: dass Überzeugungen meist weniger mit der Wirklichkeit zu tun haben als mit dem Gefüge, aus dem sie entstehen. Ulrich nennt das den „Möglichkeitssinn“ – die Fähigkeit, das, was ist, immer auch als eines von vielen möglichen Ergebnissen zu sehen, nicht als das einzig mögliche.

Das ist keine bequeme Haltung. Und Musil macht keine bequeme Lektüre daraus.

Was ihn für BOA.ART interessant macht, ist nicht die Handlung – die ist, gelinde gesagt, überschaubar. Es ist die Präzision, mit der Musil beschreibt, wie Menschen Wirklichkeit konstruieren, verteidigen und verwechseln. Wie Institutionen, Gesellschaften und Individuen Gewissheiten produzieren, die sich stabil anfühlen – und wie fragil sie bei näherer Betrachtung sind. Das Österreich-Ungarn des Romans ist eine Kulisse, aber der Mechanismus dahinter ist zeitlos.

Musil ist kein Autor für den Urlaub. Er ist ein Autor für Momente, in denen man bereit ist, langsamer zu denken als gewöhnlich. Wer das ist, wird belohnt.