„Die Verwunderung“
BOA.ART will einmal im Jahr ein Buch herausgeben — eines, das zum Kern unseres Ansatzes passt: Denkrahmen sichtbar machen, Fragen offen halten, Resonanz vor Konsens stellen: Edition BOA.
Die Verwunderung, die Debüt-Novelle von Miguel G. Baldío, ist das erste dieser Bücher. Eine Entscheidung, die aus dem Kern der BOA-Idee heraus folgt.
Was das Buch erzählt
Von Thomas Schmidt
München, Englischer Garten, ein Samstagnachmittag im August 1997. Sechs alte Freunde — ein Mathematiker, ein Biologe, eine Archäologin, eine Lehrerin, ein Stadtarchäologe und eine Mutter — picknicken auf einer Wiese. Als die Brieftasche des Biologen vor aller Augen verschwindet und sich trotz systematischer Suche nicht finden lässt, entspinnt sich aus diesem kleinen, hartnäckigen Rätsel eine Debatte, die den ganzen Nachmittag dauert: über Vernunft, über Staunen, über Bewusstsein, über Gott, über das, was Argumente leisten können — und was nicht.
Baldío lässt seine Figuren wirklich in der Sache streiten. Nicht zur Unterhaltung, nicht zum Schein. Sechs Köpfe, sechs Erfahrungen. Und am Ende geht es nicht mehr um Thesen, sondern um Erfahrungen. Niemand gewinnt. Niemand verliert. Aber niemand geht am Abend ganz als derselbe nach Hause.
Warum dieses Buch zu BOA passt
BOA steht für Beyond Ordinary Answers. Das Projekt setzt nicht an bei Antworten, sondern bei den Voraussetzungen, unter denen Antworten überhaupt entstehen. Es geht darum, Denkrahmen sichtbar zu machen — nicht, um sie zu zerstören, sondern um zu sehen, was sie tragen, was sie begrenzen, und was jenseits von ihnen liegt.
Die Verwunderung tut genau das. Und zwar auf eine Weise, die analytisches Denken und literarische Erfahrung so eng zusammenführt, dass das eine das andere nicht mehr ersetzen kann.
Erstens: Das Buch zeigt, wie Denkrahmen funktionieren — von innen.
Die Figuren sind nicht dumm. Sie kennen die Argumente. Sie sind fair, sie sind präzise, sie geben zu, wenn eine Antwort zu dünn ist. Und doch zeigt das Buch, was hinter den Argumenten arbeitet: Was man erlebt hat. Was man nicht verlieren will. Was man jemandem schuldig zu sein meint. Überzeugungen entstehen nicht nur aus Schlüssen — sie haben Geschichten. Das zu sehen, verändert, wie man über das eigene Denken denkt.
Zweitens: Das Buch lässt Argumente an ihre Grenzen laufen — und bleibt trotzdem rational.
Im Verlauf des Gesprächs erkennen die Streitenden mehrfach dieselbe Wand. Sie kommen an Punkte, an denen ihre Positionen unvereinbar sind — und beide Seiten wissen es, und beide bleiben trotzdem, weil die Frage es wert ist. Das ist die eigentliche Kunst. Die Verwunderung betreibt keine Propaganda für eine Seite. Sie zeigt, was ein ehrliches Gespräch zwischen Menschen bedeutet, die wirklich unterschiedlicher Meinung sind: dass man nicht mit Einigkeit endet, sondern mit Respekt. Und dass Respekt tiefer geht als Konsens.
Drittens: Das Buch führt vor, was Resonanz ist — im Gegensatz zu Überzeugung.
Es gibt einen Moment im Buch, an dem das Argumentieren aufhört — nicht weil jemand gewonnen hätte, sondern weil etwas gesagt wird, das vor das Argumentieren zurückgreift. Die Runde hält inne. Und einer der Streitenden formuliert danach den Satz, der die ganze Bewegung des Tages benennt: «Es hat irgendwas in mir getroffen.» Nicht: «Das überzeugt mich.» Sondern: getroffen. Das ist der Unterschied zwischen Überzeugung und Resonanz. BOA interessiert sich für genau diesen Unterschied.
Viertens: Das Buch behandelt das Staunen als ernsthaften philosophischen Ausgangspunkt.
Das Epigraph ist Aristoteles: «Durch Verwunderung wurden die Menschen zum Philosophieren angetrieben.» Früh im Gespräch antwortet der Biologe darauf: «Staunen ist kein Argument. Staunen ist eine Erfahrung.» Beide haben recht. Das Buch gibt keinem von beiden das letzte Wort. Es zeigt stattdessen, wie das Staunen — über das, was geschieht und was nicht geschehen sollte, über das Bewusstsein, über die Schönheit einer Gleichung, über das, was Menschen einander nicht sagen können — der Ort ist, an dem Denken erst anfängt. Nicht aufhört.
Und genau das ist der Titel: nicht Die Verwunderung als Auflösung, sondern als Haltung. Als Bereitschaft, im Ungelösten zu stehen, ohne es vorschnell zuzumachen.
Was das Buch literarisch leistet
Die Verwunderung ist eine intelligente, warmherzige und ungewöhnlich ernsthafte Novelle über das Staunen als Störung des Selbstverständlichen. Sie verbindet akademisches Streitgespräch, Ehegeschichte und metaphysisches Rätsel zu einem konzentrierten Text mit schöner Atmosphäre und echter gedanklicher Ambition.
Sie ist am stärksten, wenn sie nicht beweisen will, sondern zeigt: Menschen sitzen auf einer Decke, verlieren eine Brieftasche, trinken Wein — und plötzlich steht ihr ganzes Weltbild mit auf der Wiese.
Meine klare Einschätzung: literarisch stark in Anlage, Figuren und Atmosphäre; philosophisch ambitioniert; stellenweise zu diskursiv; insgesamt aber ein eigenständiger, erinnerbarer Text mit einem sehr guten Schluss.
Warum als erstes Buch
Einmal im Jahr wählt BOA.ART ein Buch aus, das nicht illustriert, was BOA denkt — sondern das dieselben Fragen stellt, die BOA stellt. Fragen nach den Voraussetzungen des eigenen Denkens. Nach dem, was Argumente leisten und was sie nicht leisten. Nach der Differenz zwischen dem, was überzeugt, und dem, was trifft.
Die Verwunderung stellt all diese Fragen — in einer Novelle, auf einer Picknickdecke, zwischen Kartoffelsalat und Rilke und einem verschwundenen Stück dunklem Leder. Und sie stellt sie so, dass man sie nach dem Lesen nicht einfach wieder ablegt.
Das reicht. Das ist genug. Das ist der Grund.
Die Verwunderung von Miguel G. Baldío erscheint als erste Publikation im August 2026 in der Edition BOA — Bücher für Menschen, die noch zuhören wollen. Taschenbuch, 101 Seiten, 9,80 Euro, ISBN 978-3-00-087021-7 (Print) / 978-3-00-087022-4 (E-Book), 5,99 Euro.

Eine Anmerkung in eigener Sache: Miguel G. Baldío ist das schriftstellerische Pseudonym von Michael W. Driesch — einem Mitgründer von BOA. Durch die Entstehung des Buches wuchs die Idee zu BOA Es ist also nur naheliegend, mit dieser Novelle anzufangen.
