Francisco de Pájaro

BOA.ART.Distinction ist ein Kunstpreis, der jedes Jahr vergeben werden soll — aber nicht muss. Er wird vergeben, wenn eine künstlerische Position sichtbar macht, was BOA im Kern sucht: Arbeiten, die nicht auf Zustimmung abzielen, sondern etwas verschieben — im Blick, im Denken, im Verständnis dessen, was Wert hat und was nicht. Wenn keine Position diesen Anspruch erfüllt, bleibt der Preis aus. 2026 wird er zum Start des BOA.ART-Projekts zum ersten Mal vergeben. Und er geht an: Francisco de Pájaro!


Wer Francisco de Pájaro ist

Foto: Jochen Rolfes, Düsseldorf 2025

Francisco de Pájaro, 1970 als Francisco González Ramos in Zafra in der spanischen Extremadura geboren, lebt und arbeitet in Barcelona. Sein Künstlername — und sein Programm — lautet: Art Is Trash. El arte es basura.

Den Anfang machte eine Niederlage. Nach Jahren prekärer Arbeit und dem Versuch, sich als Künstler in den Galerien Barcelonas zu etablieren, erlebte er Ablehnung auf Ablehnung. 2009, mitten in der spanischen Wirtschaftskrise, fand er auf der Straße einen ausrangierten Kleiderschrank. Er bemalte ihn mit dem Satz, der seitdem sein Werk definiert: El arte es basura — Kunst ist Müll. Es war nicht Resignation, die diesen Satz produzierte. Es war Befreiung.

Seitdem lebt de Pájaro in zwei künstlerischen Welten gleichzeitig — und hält beide mit derselben Ernsthaftigkeit.

Die eine ist die Straße: Er bemalt und bekleidet, was die Städte aussondern — Müllsäcke, weggeworfene Matratzen, Pappkartons, alte Möbel, Bauschutt, weggeschmissene Badewannen. Mit Markern und Acryl, Klebeband für Arme und Beine, entstehen Figuren, Kreaturen mit weiten Augen, überraschten Gesichtern, dunklem Humor. Dann geht er. Das Werk bleibt auf der Straße, bis die Müllabfuhr kommt. Was heute ein internationales Publikum bewegt, ist morgen als Abfall entsorgt. Das ist kein Versehen. Das ist das Werk.

Die andere ist das Atelier. De Pájaro malt — und er malt gut. Seine Gemälde auf Leinwand sind farbenreich, ausdrucksstark, mit einer Energie, die aus denselben Quellen kommt wie die Straßenarbeit: Instinkt, Direktheit, Weigerung, sich zu zähmen. Wer seine Leinwandarbeiten kennt, versteht, dass Art Is Trash kein Ausweichen vor dem klassischen Handwerk ist, sondern eine bewusste Entscheidung — das Handwerk ist da, es wird nur woanders eingesetzt.

Seine Installationen und Ausstellungen sind in Barcelona, London, New York, Paris, Berlin und Düsseldorf entstanden. Er hat nie einen Förderantrag gestellt. Er hat nie um Erlaubnis gebeten, auf dem zu malen, was ohnehin weggeworfen wird.


Warum diese Kunst zu BOA passt — in jeder Hinsicht

BOA.ART.Distinction zeichnet nicht Bekanntheit aus, nicht Marktrelevanz, nicht institutionelle Anerkennung. Der Preis folgt einer einzigen Frage: Verschiebt dieses Werk etwas im Denken?

Das Werk von Francisco de Pájaro tut das. Und zwar auf mehreren Ebenen gleichzeitig.

Der Titel ist die Frage.

Art Is Trash lässt sich auf mindestens drei Arten lesen — und de Pájaro lässt alle drei stehen. Kunst ist Müll: eine Provokation gegen den Kunstbetrieb und seine Selbstüberhöhung. Kunst entsteht aus Müll: eine Methode, eine Praxis, ein Programm. Und: Was wir als Müll behandeln, war nie wertlos — wir haben es nur so definiert. Wer einen Abend mit de Pájaros Werk verbringt, kommt mit einer veränderten Frage heraus: Was genau ist eigentlich Abfall? Das ist keine rhetorische Frage. Es ist eine Frage über Kategorien, über das, was wir für selbstverständlich halten — und über die Denkrahmen, in denen diese Selbstverständlichkeiten entstehen. Genau hier setzt BOA an.

Die Arbeit macht Unsichtbares sichtbar.

Straßenmüll ist, per Definition, das, was niemand mehr ansieht. Er ist da, aber außerhalb des Blickfeldes — das Gehirn lernt früh, ihn auszublenden. De Pájaro malt eine Figur drauf, klebt zwei Pappröhren als Arme an — und plötzlich sehen es alle. Die Passanten bleiben stehen. Sie lachen, sie erschrecken, sie fotografieren. Das Objekt hat sich nicht verändert. Der Blick hat sich verändert. Das ist Awareness im präzisesten Sinn: Wahrnehmung ohne sofortige Kategorisierung. Das Bekannte wird fremd, das Vertraute irritierend — und in dieser Irritation liegt Erkenntnis.

Das Flüchtige ist kein Mangel — es ist die Aussage.

De Pájaros Werk existiert im Wissen um seinen eigenen Untergang. Manche Installationen überleben Stunden, manche einen Tag. Die Müllabfuhr ist das Ende jeder Arbeit — und das war von Anfang an so geplant. In einer Welt, die Kunst als Investitionsobjekt, als Sammlerstück, als dauerhaften Wert betrachtet, ist diese radikale Vergänglichkeit ein Argument. Es sagt: Was zählt, ist der Moment der Wirkung. Nicht die Haltbarkeit. Nicht der Preis. Nicht das Prestige. Das ist eine Position — und eine, die den Kunstmarkt, den Kulturbetrieb und ihre unausgesprochenen Annahmen direkt in Frage stellt. De Pájaro sagt damit nicht, dass Dauer bedeutungslos ist. Er sagt, dass Bedeutung nicht aus Dauer kommt.

Humor als Erkenntnisform.

De Pájaros Figuren sind komisch. Eine Mülltüte wird zur überraschten Kreatur, ein Bettgestell zum ächzenden Tier, eine weggeworfene Matratze zum Versteck einer finsteren Silhouette. Dieser Humor ist kein Ornament — er ist die Methode. Wer lacht, hat seinen Abwehrreflex kurz gesenkt. Und in diesem kurzen Moment der Offenheit sieht er das, was er vorher nicht sehen wollte: den Konsumismus, die Wegwerfkultur, die sozialen Missverhältnisse, die Gleichgültigkeit. De Pájaro zwingt niemanden, etwas zu denken. Er schafft einen Moment, in dem das Denken von selbst beginnt. Das ist Resonanz — nicht als Überwältigung, sondern als leise Verschiebung.

Die Herkunft ist Teil des Werkes.

De Pájaro hat nie einen geradlinigen künstlerischen Lebensweg gehabt. Er hat Gelegenheitsjobs gemacht, ist nach London gegangen und gescheitert, hat in Barcelona unter prekärsten Bedingungen gelebt. Er bezeichnet sich selbst, mit Nachdruck, als Arbeiter, der Künstler wurde — nicht umgekehrt. Diese Biografie ist keine Hintergrundgeschichte: Sie ist im Werk. Der Abfall, den er bearbeitet, ist derselbe Abfall, der in den Vierteln liegt, in denen Menschen wie er wohnen. Die Figuren, die er aus Müll formt, sehen oft aus, als hätten sie Angst. Nicht zufällig.


Was BOA.ART.Distinction mit diesem ersten Preis sagt

Der Preis ist mit 3.000 Euro dotiert – und einem Werkankauf von bis zu 7.000 Euro. Das ist keine große Summe. Es ist eine Geste der Anerkennung, keine Subvention. Francisco de Pájaro braucht keinen Preis, um zu arbeiten — er hat das in zwanzig Jahren bewiesen. Was BOA.ART.Distinction mit dieser ersten Vergabe sagt, ist etwas anderes: dass Kunst, die Denkrahmen erschüttert, nicht aus den üblichen Institutionen kommen muss. Dass Erkenntnis auf einer weggeworfenen Matratze beginnen kann. Dass das Ephemere nicht das Bedeutungslose ist. Und dass Art Is Trash — als Titel, als Provokation, als Programm — eine der präzisesten Fragen ist, die ein Künstler heute stellen kann.

Francisco de Pájaro stellt sie jeden Nacht neu. Auf dem Gehsteig. Mit einem Marker. Und er geht, bevor jemand ihn dafür lobt.


BOA.ART.Distinction wird tendenziell jährlich vergeben — dann, wenn eine künstlerische Position den Anspruch des Preises erfüllt. Wenn nicht, bleibt er aus. 2026 war das erste Jahr.