Max Frisch – Mein Name sei Gantenbein

Es gibt einen Satz, der dieses Buch auf den Punkt bringt, noch bevor es richtig beginnt: „Ich stelle mir vor.“ Mehr Handlung gibt es kaum. Stattdessen probiert ein namenloser Erzähler Identitäten aus wie Kleider – darunter die des Gantenbein, eines Mannes, der blind ist, es aber nicht zeigt. Der sehend durchs Leben geht und so tut, als sähe er nichts.

Was klingt wie ein literarisches Spiel, ist eines der präzisesten Bücher über das, was BOA.ART beschäftigt: dass wir uns eine Version der Wirklichkeit zurechtlegen – und dann in ihr wohnen, als wäre sie die einzig mögliche. Gantenbein wählt seine Blindheit bewusst. Die meisten von uns tun dasselbe, ohne es zu wählen.

Frisch schreibt keine Antworten. Er baut Räume, in denen die eigene Konstruktion von Wirklichkeit plötzlich sichtbar wird – weil eine Figur sie so demonstrativ betreibt. Das ist Literatur als Erkenntnismittel, nicht als Unterhaltung. Beides schließt sich nicht aus, aber hier hat Frisch eindeutig Ersteres im Sinn.

Ein schmales Buch. Kein einfaches. Eines, das nachhallt.