Rashomon
Von BOA-Team ausgewählt – Der vielleicht passendste Film zur Idee von BOA.ART: Rashomon (1950) vom japanischen Regisseur Akira Kurosawa.
Es gibt einen Mord. Oder vielleicht keinen. Es gibt einen Täter. Oder mehrere. Es gibt Zeugen, die gesehen haben, was sie gesehen haben – und die alle lügen, oder alle die Wahrheit sagen, was in diesem Fall auf dasselbe hinausläuft.
Akira Kurosawas Rashomon aus dem Jahr 1950 ist 88 Minuten lang und stellt eine einzige Frage: Was ist wirklich geschehen? Er beantwortet sie nicht. Er kann es nicht. Nicht weil ihm die Antwort fehlt, sondern weil die Frage selbst das Problem ist.
Die Geschichte – soweit es eine gibt
Im Japan des 12. Jahrhunderts wird ein Samurai tot aufgefunden. Ein Räuber, die Witwe des Samurai und – durch ein Medium – der Samurai selbst schildern den Hergang des Geschehens. Alle drei waren dabei. Alle drei erzählen etwas anderes. Alle drei erzählen sich selbst in einem möglichst günstigen Licht. Und alle drei sind, innerhalb ihrer eigenen Version, vollkommen konsistent.
Ein vierter Zeuge – ein Holzfäller, der zufällig anwesend war – erzählt ebenfalls. Auch seine Version weicht ab.
Das war es. Mehr Handlung gibt es nicht. Kein Ermittler klärt den Fall. Kein Erzähler ordnet ein. Kurosawa lässt vier Versionen stehen und tritt zurück.
Warum das so verstörend ist
Weil wir es gewohnt sind, dass Geschichten eine Wahrheit haben. Dass am Ende aufgelöst wird, wer recht hatte. Dass die widersprüchlichen Aussagen zu einer einzigen, verlässlichen Wirklichkeit zusammenfinden – und dass wir als Zuschauer wissen, was wirklich geschehen ist.
Rashomon verweigert genau das. Und in dieser Verweigerung liegt seine eigentliche Aussage: dass es die eine, verlässliche Wirklichkeit möglicherweise gar nicht gibt. Nicht weil die Figuren böse sind oder absichtlich lügen – obwohl sie das vielleicht auch tun. Sondern weil jeder Mensch das, was er erlebt, durch ein Gefüge aus Selbstbild, Interesse, Erinnerung und Deutung wahrnimmt. Was herauskommt, ist nie die Wirklichkeit selbst, sondern immer eine Version davon.
Das ist kein Relativismus. Es ist eine sehr präzise Beobachtung über die Struktur menschlicher Wahrnehmung.
Der Holzfäller
Die interessanteste Figur in Rashomon ist nicht der Räuber, nicht die Witwe, nicht der tote Samurai. Es ist der Holzfäller.
Er ist derjenige, der scheinbar am wenigsten zu gewinnen hat. Der unbeteiligte Zeuge, der zufällig vorbeikam. Der zunächst nichts sagt – und dann doch redet. Dessen Version die nüchternste, unspektakulärste, am wenigsten heroische ist.
Und selbst er lügt. Oder irrt sich. Oder erinnert sich falsch. Oder deutet um, was er gesehen hat, um sich selbst zu schützen.
Kurosawa macht damit klar: Es gibt keine neutrale Beobachterposition. Wer dabei war, ist beteiligt. Wer beteiligt ist, hat ein Interesse. Wer ein Interesse hat, sieht anders. Das gilt für den Täter, die Witwe, den Toten – und den Mann, der nur zufällig vorbeigegangen ist.
Es gilt, nebenbei, auch für den Zuschauer.
Rashomon und BOA.ART
Der Glaube, zu wissen beschreibt, wie aus Erfahrung Deutung wird, aus Deutung Überzeugung, und aus Überzeugung etwas, das wir kaum noch hinterfragen. Wie ein Irrtum sich von innen nicht wie ein Irrtum anfühlt, sondern wie eine stimmige Beschreibung der Wirklichkeit. Wie der blinde Fleck nicht nur bestimmte Inhalte ausblendet, sondern auch die eigene Ausblendung.
Rashomon zeigt dasselbe – ohne ein Wort darüber zu verlieren. Er demonstriert es. Vier Mal, in vier Variationen, mit vier Menschen, die alle glauben, die Wahrheit zu sagen. Und vielleicht tun sie das sogar. Das ist das Verstörende.
Was Kurosawa 1950 in 88 Minuten sichtbar macht, ist keine philosophische These, sondern eine menschliche Grundbedingung: dass wir uns in einem System bewegen, dessen Grenzen wir nicht vollständig erkennen können, während wir gleichzeitig gezwungen sind, innerhalb dieses Systems zu urteilen, zu entscheiden und zu handeln.
BOA.ART nennt das den Glauben, zu wissen.
Kurosawa nennt es Rashomon.
Eine letzte Bemerkung
Am Ende des Films geschieht etwas Unerwartetes. Ein Moment, der nicht auflöst, aber andeutet. Der keine Antwort gibt, aber eine Richtung zeigt. Wer den Film gesehen hat, weiß, was gemeint ist. Wer ihn noch nicht gesehen hat, sollte das tun – und dann selbst entscheiden, was dieser Moment bedeutet.
Das ist, nebenbei, auch die einzig mögliche Antwort auf Rashomon: die eigene.
Akira Kurosawa: Rashomon. Japan 1950. 88 Minuten. Verfügbar u. a. auf MUBI oder – deutsch synchronisiert – auf Amazon Prime: https://www.amazon.de/gp/video/detail/B0FD79QQZ6/
