Jonathan Haidt – Die rechtschaffene Seele
Warum reden Menschen in moralischen und politischen Fragen so hartnäckig aneinander vorbei? Nicht weil die eine Seite dumm ist und die andere klug. Sondern weil beide Seiten vollkommen unterschiedliche Grundannahmen darüber haben, was überhaupt zählt.
Jonathan Haidt, Sozialpsychologe an der New York University, hat dafür einen Begriff: moralische Grundlagen. Er unterscheidet sechs davon – von Fürsorge über Loyalität bis hin zu Heiligkeit – und zeigt, dass verschiedene Menschen und politische Lager diese Grundlagen unterschiedlich gewichten. Was für die einen selbstverständlich ist, existiert für die anderen schlicht nicht als moralische Kategorie. Kein Wunder, dass man sich nicht versteht.
Das klingt nach einer These. Es ist aber vor allem eine Einladung zur Selbstbeobachtung. Haidt macht deutlich, dass moralisches Urteilen weniger einem rationalen Prozess folgt als einem intuitiven – und dass die Argumente meist nachträglich kommen, um zu begründen, was wir ohnehin schon gefühlt haben.
Wer Kapitel 5 und 6 von Der Glaube, zu wissen gelesen hat, wird in Haidt einen Gesprächspartner finden, der dasselbe Phänomen mit empirischen Mitteln untersucht. Beide kommen zum selben Schluss: Der Konflikt liegt tiefer als die Argumente.

